DER KLEINE HORRORLADEN / OPER BONN

PREMIERE 30.08.2015

BESETZUNG

MUSIKALISCHE LEITUNG: JÜRGEN GRIMM

REGIE: ERIK PETERSEN

CHOREOGRAPHIE: KATI FARKAS

AUSSTATTUNG: DIRK HOFACKER

LICHT: THOMAS ROSCHER

TON: STEPHAN MAUEL

BESETZUNG

Seymour: Mathias Schlung

Audrey: Bettina Mönch

Mr. Mushnik: Michael Schanze

Zahnarzt Orin: Hans Werner Olm

Amanda Whitford, Beatrice Reece, Sampaguita Mönck, Jeremias Koschorz, Yoko El-Edrisi 

Kinder- und Jugendchor der Oper Bonn

Statisterie der Oper Bonn

PRESSEZITATE

"Dieser Abend hatte alles, was ein Musical braucht: Tolle Stimmen, allen voran die herausragende Bettina Mönch; eine erstklassige Live-Band unter Leitung von Jürgen Grimm; ein sehr flexibles Bühnenbild (Dirk Hofacker) und eine zupackende Regie. Auch Generalintendant Bernhard Helmich zeigte sich nach der Premiere gut gelaunt und erleichtert auf der Premierenfeier."

Christof Ernst / Express Bonn

"Der junge Regisseur Erik Petersen erzählt die Geschichte, die sich um die mysteriöse fleischfressende Pflanze rankt, mit Witz und vielen tollen Ideen. Schon wenn beim Auftritt der drei Soulgirls die Kleider plötzlich wie glitzernde Lampenschirme zu leuchten beginnen, jubelt das Publikum... Dass man es trotz der für das Genre unüblichen hohen Zahl an Sterbefällen mehr mit bester Unterhaltung als mit echtem Horror zu tun hat, liegt an Howard Menkens mitreißenden Gesangsnummern, den witzigen, von Michael Kunze ins Deutsche übertragenen Texten Howard Ashmans und an den großartigen Darstellern. Die beiden Hauptfiguren Seymour und Audrey sind stimmlich bei Matthias Schlung und Bettina Mönch bestens aufgehoben. Und auch das komödiantische Timing der beiden ist perfekt. Der mittlerweile etwas rundliche TV-Moderator und Schlagerstar Michael Schanze verleiht dem eigentlich ziemlich rücksichtslosen Mushnik einen dennoch liebenswerten Charme." 

Bernhard Hartmann / Generalanzeiger Bonn

Ein Zahnarzt, der sich selbst betäubt, diverse Todesfälle und eine menschenfressende Pflanze – die Skid Row macht nicht nur der düster-elegischen Atmosphäre von Charles Dickens London alle Ehre, sondern hat auch allerhand beunruhigende Merkwürdigkeiten zu bieten. Hier wird ein Blumenladen zum Sweeney Todd'schen Barbiersalon und herkömmliche Botanik zur blutigen Angelegenheit. Hier werden dämonische Pflanzen gezüchtet, ungeliebte Nebenbuhler entsorgt und ein tollpatschiger Ladengehilfe über Nacht zum Medienstar.

Als sich Alan Menken und Howard Ashman im Jahre 1982 an eine Musicalfassung der Horror-Persiflage "The Little Shop of Horrors" machten, lag ihnen mit Roger Cormans B-Film ein Potpourri parodistischer Seitenhiebe auf verschiedene Genre-Klassiker und augenzwinkernder Anspielungen auf unsere erfolgsstrebende Gesellschaft vor. Der Aphorismus "from rags to riches" einmal ganz anders! Die Gefahr, dass diese Mischung aus Oliver Twist und Frankenstein auf der Bühne auf die dystopische Trash-Schiene abgleitet, ist entsprechend groß. Doch wie damals Alan Menken ist auch Bonns Regisseur Erik Petersen dieser Aufgabe mehr als gewachsen; seinem "kleinen Horrorladen" gelingt der Spagat zwischen unterhaltsamem Klamauk und Gesellschaftsfabel. Die fast dreistündige Inszenierung wird zu keinem Zeitpunkt langatmig, bleibt unvorhersehbar und fesselnd. 

Dies ist nicht zuletzt dem genialen Bühnenbild von Dirk Hofacker geschuldet: Mittels Drehbühne und Multimediashow entsteht hier in Leinwandqualität der plastische Eindruck eines grauen Elendsviertels inklusive brennender Mülltonnen und perspektivloser Kids. 

Hier fristet der Waise Seymour als Aushilfe in Mushniks Flower Shop sein trostloses Dasein, seine heimliche Liebe gehört der schönen und bereits vergebenen Audrey. "Man ist roh in der Skid Row" singen die Soulgirls, welche als quietschfideles Straßenmädchen-Trio mit Gospelstimmen und in LED-Röcken (Kostüme: ebenfalls Dirk Hofacker) durch den Abend führen. Doch dann kommt alles anders: Seymour züchtet eine seltene Pflanze, die nicht nur das Geschäft belebt, sondern ihm auch dabei behilflich ist, Audreys gewalttätigen Liebhaber Dr. Orin Scrivello (genial als Lederkluft tragender sadistischer Zahnarzt und mit kerniger Rockstimme: Hans-Werner Olm) aus dem Weg zu räumen. Einziger Haken: Die Pflanze ernährt sich ausschließlich von menschlichem Blut und gelegentlich verschwinden Mitbürger, um den unersättlichen Appetit der Kreatur zu stillen.

Doch vorerst scheint das Glück perfekt: Audrey und Seymour finden endlich zueinander und werden nicht nur innerhalb der Handlung zum liebenswerten Außenseiter-Traumpaar – auch darstellerisch sind die beiden Akteure auf einer Wellenlänge. Matthias Schlung hat seinen Seymour als verschüchterten Sonderling mit Hobbit-Charme angelegt und webt dessen kleinlautes Wesen geschickt in seine Gesangspassagen ein. Stimmlich bleibt er dabei jedoch eine Spur hinter Co-Aktrice Bettina Mönch zurück, die die Mehrdimensionalität ihrer Figur bis zur Perfektion herausgearbeitet hat und Audrey als sensibles, lispelndes und von Komplexen geplagtes Blondchen mit zu geringer Schulbildung auftreten lässt. Mal zaghaft verträumt im Solo "Im Grünen irgendwo" und mal fest und pathetisch im Duett "Jetzt hast du Seymour" entreißt sie Audrey mit vollmundigem Mezzosopran dem Barbie-Klischee und illustriert gekonnt ihre seelischen Höhen und Tiefen.
Lediglich Michael Schanze alias dem gewitzten Geschäftsmann Mr. Mushnik kann zwar darstellerisch auf ganzer Linie überzeugen, kommt jedoch mit seinem erdigen Bass bei der Nummer "Mushnik und Sohn" ins Schleudern. Letzterer kann sich vor Presseterminen und falschen Freunden kaum noch retten und ist schon bald als umschwärmter Botaniker in aller Munde. Sein Weg auf dem Roten Teppich zieht sich dabei als Leitfaden durch Petersens Inszenierung und wird mit einigen peppigen Regie-Einfällen visualisiert. Seien es die Soulgirls Chiffon (Beatrice Reece), Crystal (Amanda Whitford) und Ronette (Sampaguita Ingeborg Mönck), die plötzlich nicht mehr im Ghetto-Assi-Look, sondern im Rodeo-Drive-Schick auftreten, oder Radiomoderator Jeremias Koschorz (an diesem Abend in weiteren acht Rollen zu erleben), der die schmutzige Skid Row im Handumdrehen in sein piekfeines Sendestudio verwandelt. Wohin man auch schaut – die oberflächliche Glitzer-Glamour-Welt ist allgegenwärtig. 

Doch ganz in der Manier von Goethes "Zauberlehrling" geht auch hier das Spiel mit dem Hokuspokus gründlich schief: Als der botanische Newcomer die Gefahr erkennt und in Rambo-Montur seine Kreatur töten will, hat diese bereits seine große Liebe Audrey gefressen. Dabei herrlich bösartig-penetrant: Dennis LeGree als dämonische Seele des Chlorophyll-Monstrums tritt als eine Mischung aus amerikanischem Gangster und schillerndem Glamour-Wesen auf und heizt dem Publikum mit dem Hit "Mean Green Mother from Outer Space" richtig ein. Begleitet wird er dabei von der großartigen neunköpfigen Live-Band, welche trotz ihrer etwas ungünstigen Position hinter der Kulisse virtuos aufspielt. Leiter Jürgen Grimm ist es dabei zu verdanken, dass die typische Kombination von Schlagerschnulze und E-Gitarren-Rock nicht antiquiert daherkommt. Mit knackigen Bläsern und griffigen Riffs kreiert er groovige Ska- und Reggae-Arrangements, die Ashmans Partitur neues Leben einhauchen.
Am Ende kommt es dann, wie es kommen muss: Der Schöpfer verliert endgültig die Kontrolle und wird zum Opfer seiner eigenen Schöpfung. Mary Shelley lässt grüßen. Und was noch schlimmer ist: Ableger der Pflanze sind in Umlauf geraten und nun auf dem Weg in zahlreiche Haushalte. Ein bisschen Trash muss eben doch sein.

Musicalzentrale / Lisa Tozowski